Moderne Kreuzzüge

Bei der Volksabstimmung „Gegen den Bau von Minaretten“ in der Schweiz, stimmten Ende November letzten Jahres 57,5 Prozent der Wähler für das landesweite Bauverbot. Ins Leben gerufen wurde die Initiative maßgeblich von der rechtspopulistischen Schweizerischen Volkspartei (SVP). Nach den Europawahlen 2009 zeigte das Ergebnis erneut, dass Europas Rechte mit islamfeindlicher Propaganda am erfolgreichsten ist.

Überraschen dürfte dies eigentlich nicht, denn Feindbilder sind seit jeher die Zugpferde rechter Politik und Islamfeindlichkeit ist das derzeit Stärkste in der westlichen Welt. Wenige Tage vor der Abstimmung ver­öffentlichte das Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld eine Studie, die auf repräsentativen Umfragen in acht europäischen Ländern basiert.
Wagen auf dem Düsseldorfer Karneval: Inzwischen assoziieren 83% der Deutschen „Terror“ mit dem Wort Islam
Demnach ist in diesen Ländern jeder zweite Europäer der Ansicht, dass der „Islam (...) eine Religion der Intoleranz“ sei. Islam­feindliche Ein­stellungen sind demnach noch weiter verbreitet als Homophobie (ca. 40 Prozent), klassischer Rassismus (ca. 33 %) und Antisemitismus (ca. 25 %).

CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt denkt zwar, dass das Ergebnis der schweizerischen Volks­abstimmung „mit Sicherheit nichts (ist), was auf Deutschland in dieser Form zu übertragen wäre.“ Doch das Bielefelder Institut belegt in einer seperaten Studie zur BRD, dass auch 30% der Deutschen meinen, dass Muslimen die Zuwanderung nach Deutschland untersagt werden sollte. Die hier ausgemachten „negativ-stereotypen Haltungen gegenüber dem Islam“ ermittelte selbst eins der bekanntesten Meinungsforschungs­institute des Landes, das Institut für Demoskopie Allensbach. Demnach assoziieren 93% der Deutschen mit dem Islam die „Unterdrückung von Frauen“ und 83% „den Terror“.

Es sind diese Stereotypisierungen, in denen sich Islamfeindlichkeit am deutlichsten manifestiert. Bei ihnen handelt es sich ausschließlich um negative Zuschreibungen, die verallgemeinert eine bedrohliche Fremdgruppe konstruieren. Ihr gegenüber erscheint die „eigene Kultur“ mit ihren christlich-abendländischen Wurzeln als höherwertig, da diese angeblich aufgeklärt, tolerant und nicht gewalttätig sei. Diese gruppen­bezogenen und verallgemeinernden Zuschreibungen sowie die darauf bezugnehmende Einteilung der Gruppen in verschiedene Wertigkeiten, bei Eigenverortung in der höchstwertigen Gruppe, sind ein klassisch rassi­stisches Muster. Nur werden hier an Stelle der rassischen, kulturelle Zuschreibungen vorgenommen.

Die Grenze zwischen notwendiger Religionskritik und kulturalistischer Stereotypisierung verläuft in diesem Zusammenhang genau dort, wo „Unter­drückung von Frauen“, „Terror“ und anderes unmittelbar dem Islam zugeschrieben wird, ohne sich auch nur ansatzweise mit der Materie vertraut gemacht zu haben. So lassen die meisten „Islam-Kritiker“ sowohl elementare Sachkunde über die Religion, als auch wissen­s­chaft­liche Erkenntnisse aus den Sozialwissenschaften vermissen, die patriarchale Verhältnisse und Gewalt etwa auf das Bildungniveau, die politischen Verhältnisse in den Herkunftsländern oder die Familien- und Sozialstruktur zurückführen würden.

Islamfeindliche Einstellungen finden sich in­zwischen in allen Schichten der Gesellschaft und quer durch die politische Landschaft der BRD. Selbst in Teilen der Linken werden die Stereotype immer wieder unkritisch reproduziert. Die extremste Folge dieses gesamtgesellschaftlichen Diskurses zeigte sich im letzten Sommer, der Mord an der muslimischen Apothekerin Marwa S. im Dresdner Landgericht, hätte bereits Anlass gegeben, sich kritisch mit den öffentlichen Debatten über den Islam und auch der eigenen Position auseinanderzusetzen.