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Wie der Staat über brennende Autos eine neue Feinderklärung inszeniert Bei meinem angezündeten Auto war alles relativ einfach. Wir hatten uns 2002 in einem linken Bündnis auf den Weg gemacht, um den rituellen 1. Mai in Berlin-Kreuzberg zu repolitisieren. Wir hatten ein Konzept für ein polizeifreies Kreuzberg entwickelt, die bisherigen 1.-Mai-Bündisse provoziert,
Heute ist nichts mehr einfach, sondern alles sehr kompliziert. Keine Sau weiß wirklich, warum weit über hundert Autos in Brand gesteckt worden sind. Keiner kennt Täter und Motive, Gerüchte wabern durch die Stadt. Es spricht selbst in den Augen der Polizei sehr viel dafür, dass politische Motive, aber auch ganz vielfältige andere dahinter stecken. Keiner weiß wirklich etwas. Anders als früher, werden Brandstiftungen nicht mehr politisch diskutiert, jedenfalls nach meiner Kenntnis nicht in kleineren oder größeren Gruppen und Organisationen, die zur Szene gehören. Es gibt die „klammheimliche Freude“ oder Verurteilung – eine ernsthafte Debatte gibt es nicht. Die verschwiegene Kleinteiligkeit von Kleinstgruppen hat eine neue Politikform des provozierend wortlosen Unberechenbaren gefunden. Panik ist die Reaktion eines Teils der blutrünstigen Boulevardpresse und nach einer Beruhigungsstrategie („Wir unternehmen alle politischen und polizeilichen Anstrengungen.“) auch des Staatsapparates. Das völlig unberechenbare Abfackeln unterschiedlichster Autotypen zwingt den Polizei- und Staatsakteuren ein Erklärungspanorama ab, das von der Öffentlichkeit geglaubt werden kann. Und hier holt man aus der Mottenkiste,
Nicht die innere Feinderklärung ist die Problemlösung, sondern die Frage, warum es offensichtlich junge Menschen gibt, die ihre radikalen gesellschaftsverändernden Vorstellungen nur noch mit dem Abfackeln von Luxusautos ausdrücken zu können glauben. Wer eine Hoffnung auf Gesellschaftsveränderung nur noch mit brennenden Autos – und nicht einmal mit flammenden Worten – ausdrückt, ist im Begriff sich selbst aufzugeben und unterschätzt vor allem das Gewaltmonopol des Staates. Die Debatte um brennende Autos ist nur der Vorspann eines hysterisierten Sicherheitsstaates, der den Handlungsspielraum des linken Spektrums systematisch einschränken will. Die Verbotsgerüchte über linke Gruppen in der Stadt sind ein erstes Menetekel. Darüber ist öffentlich und in kleinen Gruppen die inhaltliche Auseinandersetzung zu führen – mit dem Ziel, den Sicherheitswahn des Staates und der Polizei einzuschränken, aber auch wieder das gerissene Band zwischen radikalem Reformismus und gewaltbereiter Gesellschaftsveränderung zu knüpfen. Wir hatten schon öfters in Berlin Situationen – bei Instandbesetzungen, RAF-Zeiten, Berufsverboten – wo hitzig seriöse Auseinandersetzungen zu einem Lernprozess zur Gewaltfrage geführt haben. Das gerissene Band zu den Radikalen ist das Problem und nicht die machtbewusste Inszenierung eines inneren Feindes. Peter Grotian |
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