»Das war keine richtige Verhandlung für mich«

»Haut den Nigger tot!« schallt es Tibor Sturm entgegen, als er in einer kalten Dezembernacht von sechs Neonazis angegriffen wird. Doch Tibor will kein Opfer sein und wehrt sich. Dafür muss er für sieben Monate ins Gefängnis. Wieder in Freiheit spricht er über seinen Albtraum. Der Antiberliner sprach mit Tibor Sturm.

Du bist bei Brothers Keepers und engagierst dich in diesem Rahmen gegen Rechts. Gab es Schlüsselerlebnisse, die dich dazu gebracht haben aktiv zu werden?
Also, Schlüsselerlebnisse zu nennen, ist schwierig. Ich sag mal, Kleinvieh macht auch Mist. Als afrodeutsches Kind in einer bayrischen Kleinstadt aufzuwachsen beherbergt mitunter subtilen Rassismus, den man als Kind nicht deuten kann, der aber um so schwerer wiegt, je älter man wird. Und da ich schon sehr früh zu Hip Hop gekommen bin, hab ich mir gesagt, ok, jetzt rappst du mal über deine Probleme.
Kannst du kurz schildern, wie es zu dem Überfall auf dich gekommen ist?
Ich war auf einer Party für einen Freund, der 48 Stunden später abgeschoben werden sollte. Aber gegen Zehn war ich schon so deprimiert, dass ich ohne ein Wort des Abschieds gegangen bin. Auf einmal habe ich gehört: »Haut den Nigger tot! Du stirbst heute Nacht!« Im ersten Moment habe ich gedacht: Lauf um dein Leben! Und ich bin gerannt. Aber dann habe ich ganz viele Sachen ganz schnell auf einmal gedacht. Das waren solche Sachen, die ich schon als Kind mitgemacht habe: Wer hat Angst vorm schwarzen Mann? Niemand, da laufen wir davon! Ich wollte einfach nicht mehr vor dem Schwarzsein weglaufen. Ich habe mich umgedreht und habe dann aus dem Laufen heraus die erste Faust ins Gesicht geschlagen bekommen.
Dabei blieb es ja leider nicht. Kannst du etwas zu deinen Verletzungen sagen?
Ich habe sechs Zähne verloren. Einer war komplett raus gebrochen und fünf mussten operativ entfernt werden. Meine linke Rippenhälfte war durch die Tritte angeschwollen. Ich hatte ein angebrochenes Jochbein und mehrere offene Wunden. Und weil auch für einen der Angreifer der Überfall im Krankenhaus endete, bist du verurteilt worden? Der Richter fragte mich immer wieder, ob ich mich nicht entschuldigen möchte und ich musste diese Frage immer wieder verneinen. Wofür hätte ich mich auch entschuldigen sollen? Dafür, dass ich mich verteidigt habe? Am Ende wurde ich für exzessive Notwehr verurteilt. Ich habe das Urteil nicht ernst genommen und habe gelacht. Das war keine richtige Verhandlung für mich.
Ist es inzwischen zu einer Verhandlung gegen die Angreifer gekommen?
Nein, gegen die Angreifer wird noch immer ermittelt. Die Mühlen der Justiz mahlen langsam, aber sie mahlen. Das habe ich am eigenen Leib erlebt.
Sind dir irgendwelche Dinge in Haft besonders schwer gefallen?
Zeitweilig gab es für mich eine »No Go Area« im Knast, weil ein Rechter gegen mich mobil gemacht hat. Sie haben Witze über meine Hautfarbe gemacht und für Stimmung im ersten Stock der JVA gesorgt. Das war das einzige Stockwerk in dem die Häftlinge telefonieren konnten, was mich dann wiederum ein Stück weit meiner sozialen Kontakte beraubt hat.
In dieser Situation habe ich auf einmal Postkarten bekommen, die mir unglaublich geholfen haben. Das waren Karten auf denen »Freiheit für Tibor« stand. Die haben mir wieder Mut gegeben und mir gezeigt, dass ich doch nicht allein bin.
Ziehst du irgendwelche Konsequenzen aus dem Überfall, dem Gerichtsurteil und deiner Zeit im Knast?
Diese Erfahrungen haben mich nur noch stärker gemacht. Ich habe mich nicht brechen lassen und stehe jetzt mehr denn je ein gegen Rechts. Ich will, dass meine Kindeskinder hier irgendwann einmal ohne Angst vor rassistischen Anfeindungen spazieren gehen können.