Finanzkrise: Nichts geht mehr

Die Finanzkrise ist mit aller Wucht in Deutschland angekommen. Wie bei einem Dominospiel fallen nahezu täglich weitere Bankinstitute um. Und Spiel ist das richtige Wort. Es hat sich ausgezockt. Was als kleines Spiel begann, endet als größte Krise der Weltwirtschaft in der Nachkriegsgeschichte. Dabei sind die Folgen bislang kaum abzusehen.
»Wer den Pfennig nicht ehrt, ist den Taler nicht wert«

Niemand kann die Schäden genau beziffern, niemand weiß,wen es als nächstes trifft. Die Spieler schleichen vom Feld und schreien um Hilfe ­ auf einmal. Schließlich hieß es jahrelang: Der Staat soll sich gefälligst raushalten, der Markt bestimmt die Regeln selbst. Die Zeiten sind vorbei. Der neoliberale Traum eines entfesselten Marktes und von Eigenkapitalrenditen um die 25 Prozent, Josef Ackermann lässt grüßen, hat sich ausgeträumt. Der Traum vom großen Geld einzelner Investmentbanker wird zum Albtraum jedes einzelnen Bürgers. Gewinne privatisieren ­ Verluste sozialisieren, so die nackte Realität. Wie konnte das nur passieren, fragen im bis dato als grotesk anmutenden Einklang gescheiterte Bänker und verzweifelte Steuerzahler.

Die Finanzkrise der Reihe nach

Nach den Anschlägen vom elften September reagierte die amerikanische Regierung mit Panik ­ nicht nur auf dem Feld der Terrorismusbekämpfung. Um einen Zusammenbruch des Marktes zu vermeiden wurden die USA mit billigem Geld überschüttet. Leitzinsen wurden gesenkt und dadurch Kredite so günstig wie selten zuvor. Schließlich sollte der Konsum, Amerikas tragende Säule, nicht zusammenbrechen. Investmentbanker rücken vor bis auf Los, es begann eine neue Runde des großen Spiels. Sie nutzten die Gunst der Stunde und kreierten Finanzkonstrukte, die in ihrem eigentlichen Regelwerk kaum noch zu überschauen sind: Verbriefungen, Futures, Fonds. Eines ist jedoch allen gemein: Das Streben nach Vermehrung des eigenen Profits. Das Problem: Diese Finanzkonstrukte fußen mehr auf einer Wette als auf harten wirtschaftlichen Annahmen. Investmentbanking ohne Vergleich. So konnten US-Bürger, auch jene ohne regelmäßiges Einkommen und mit schlechter Bonität, sogenannte subprimes,Hypotheken auf ihre Häuser aufnehmen, deren Raten durch steigende Preise auf dem US-Immobilienmarkt beglichen werden sollten. Frei nach dem Motto:Ich kann heute einen Kredit auf mein Haus aufnehmen und bezahle ihn mit der fiktiven Wertsteigerung meines Hauses innerhalb der nächsten Jahre.
Diese Wertsteigerung ist so allerdings nie eingetreten. Folglich konnten Kredite nicht mehr zurückbezahlt werden, Bankinstitute blieben auf ihren Forderungen sitzen und nutzten den Hebel der Zwangsversteigerungen. Tausende von US-Amerikanern mussten ihre Häuser räumen und aufhören davon zu träumen, mit gepumptem Geld ihr Leben zu finanzieren. Aber auch die Banken kamen ins Wanken. Denn die tausendfach ausgegebenen Immobilienhypotheken blieben nicht bei den unmittelbaren Geldinstituten, die sie ausgegeben haben, sondern wurden in riesige Pakete zusammengeschnürt und an interessierte Banken weiterverkauft ­ die sogenannte Verbriefung. Eine todsichere Anlage mit traumhaften Renditen, so die Verheißung. Doch sobald der Kredit tausendfach nicht getilgt werden kann, ist das Paket wertlos. Das mussten auch bereits im Sommer 2007 hiesige Landesbanken feststellen, die sich massiv auf dem amerikanischen Immobilienmarkt mit riskanten Geschäften im Subprime-Bereich engagiert haben. Mit Steuergeldern und unter der Aufsicht vom Bundesfinanzministerium sowie der Bundesbank wohl gemerkt.
»Gehen sie zurück auf Los«
Der Anreiz, mit wenig Einsatz viel Gewinn zu erzielen, schien auch den auf diesem Gebiet völlig überforderten Bankern aus der Provinz schmackhaft. Um allerdings solche Geschäfte nicht auf die normalen Bilanzen mit aufnehmen zu müssen, konnten sogenannte Zweckgesellschaften im Ausland gegründet werden. Diese waren dann von der Gewerbesteuer befreit und weit weg von einer deutschen Bankenaufsicht, zumindest offiziell, wussten doch die entsprechenden Gremien nachweislich von ihrer Existenz. So ist im Koalitionsvertrag von 2005 nachzulesen, dass das Verbriefungsgeschäft ausdrücklich auszubauen sei.
Ein Schelm, der glaubt, dieser Ausbau sei von der Finanzaufsichten nicht registriert worden. Das Paradebeispiel für das Engagement auf dem US-Immobilienmarkt ist die Düsseldorfer IKB, eine Mittelstandsbank, die sich in erster Linie der Finanzierung langfristiger Projekte mittelständischer Betriebe verschrieben hatte. Genauer: Die IKB galt über Jahrzehnte gerade als halbstaatliche Bank als der Mittelstandsfinanzierer schlechthin. Wenn irgendein Betrieb langfristige Investitionen, wie den Erwerb neuer Produktionsmaschinen, tätigen musste, stand die IKB mit günstigen Krediten parat. Doch das schien dem neuen Vorstand zu profan, also entschloss man sich, mit Hypothekendarlehen mehr Kapital zu generieren und sich auch auf internationalem Parkett zu bewegen. Ihrem beispiellosen Engagement auf dem amerikanischen Hypothekenmarkt folgten zahlreiche Landesbanken, wie die Sachsen LB, die West LB oder die Bayern LB. Alle Institute müssen nun mit Milliarden an Steuergeldern vor der Pleite bewahrt werden und das vor dem Hintergrund, dass sie in nur all zu naher Zukunft zusammengelegt bzw. abgewickelt werden,weil sie keine zukunftsfähigen Geschäftsmodelle vorweisen können.

Blick in den Abgrund

Die Finanzkrise trifft also zuerst traditionsreiche Investmenthäuser, dann Landesbanken, Geschäftsbanken und nun auch die Realwirtschaft. In einer Zeit, in der sich die Banken nicht mehr untereinander vertrauen,werden auch keine Kredite mehr ausgegeben. Das Interbankengeschäft kommt dadurch zum Erliegen und zwingt somit zahlreiche Banken in die Knie, die langfristige Anlagen kurzfristig refinanzieren müssen. Auch Unternehmen und private Haushalte werden mit höheren Zinsen bei der Kreditvergabe rechnen müssen, solange sie denn überhaupt noch welche bekommen. Die oft bemühte sprachliche Herleitung des Begriffes Kredit trifft das Problem vollkommen: Es geht um Vertrauen. Wenn sich keiner mehr vertraut, weil niemand sicher sagen kann, was noch an wertlosen Papieren in den eigenen Reihen gehalten wird, werden auch keine Kredite ausgegeben. Im Gegenteil. Die Banken horten ihr Kapital bei der Europäischen Zentralbank,um so ihr Eigenkapital im Haus zu halten. Ärger droht aber auch an einer anderen Front. So legen beispielsweise Lebensversicherungen das Geld ihrer Klientel am Kapitalmarkt an und müssen nun zusehen, dass sie für ihre Versicherten überhaupt noch Ansprüche garantieren können. Eine Spirale ins Bodenlose.

Hilfe vom Staat

Nun soll sich nach Meinung der Zocker gefälligst der Staat ums Überleben des Finanzsystems kümmern. Bei dieser neuen Bewegung läuft der Chef der Deutschen Bank paradoxerweise ganz vorne. Ausgerechnet derjenige, der sich stets für das angelsächsische Finanzmodell am meisten engagierte. Ein beispielloser Rettungsschirm von mindestens 500 Milliarden Euro wurde geschnürt, um faule Kredite abzusichern. Die Summe scheint galaktisch, repräsentiert aber nur einen Bruchteil dessen, was an faulen Finanzkrediten insgesamt gehandelt wurde: Sieben Billionen Euro. Das Problem dabei:Kein Wissenschaftler,kein Banker und schon gar kein Politiker kann einschätzen, was passieren würde, wenn ein solcher Rettungsschirm nicht gespannt würde. Die Angst vor einem partiellen Zusammenbruch des Kapitalismus ist allgegenwärtig. Die Zeit, ihm entgegenzuwirken, ist knapp. Deshalb wurde das Rettungspaket in einem atemberaubenden Tempo durchgewunken. Eine Geschwindigkeit, die eine große Koalition in einer demokratischen Ordnung kaum noch überbieten kann und die wahren Demokratiefreunden die Schweißperlen auf die Stirn treiben dürfte. Wer allerdings glaubt, die Zeiten neoliberaler Ideen seien vorbei, dürfte ziemlich alleine dastehen. Pragmatismus statt Paradigmenwechsel bestimmt die Politik.