Die »Welternährungskrise« – Rückkehr der Untoten

Anfang 2008 wurde das Thema »Welternährung« auf einmal wieder hochbrisant. Der Spiegel titelte in einem Dossier mit der Schlagzeile »Der hungrige Planet« und wies auf die Zusammenhänge zwischen Versorgungsengpässen bei »Rohstoffen« (wie Weizen und Mais auf einmal hießen) für die Produktion von so genannten Bio-Treibstoffen und einer zunehmend kritischen Ernährungslage in vielen Gebieten der Welt hin. Weil eine steigende Nachfrage nach diesen Gütern die Preise extrem belaste, sei mit einer neuen »Welternährungskrise« zu rechnen.
Fettes Fleisch allein macht auch nicht glücklich

Bereits 2007 hatte dieses Thema international während der so genannten »Tortilla-Krise« in Mexiko für Aufsehen gesorgt. Weil die Preise für Maismehl, eines der Grundnahrungsmittel in Mittelamerika, drastisch gestiegen waren, machten viele MexikanerInnen ihrem Ärger Luft und protestierten teilweise gewalttätig gegen die »Schattenseiten des Biospritbooms«. Gut ein Jahr später brachten erneute Unruhen auf Grund von Nahrungsengpässen, bzw. extremen Preissteigerungen bei Grundnahrungsmitteln, unter anderem in Haiti, Ägypten und Indonesien, das Thema »Hunger« wieder auf die mediale Agenda. Die FAZ titelte »Der Hunger meldet sich zurück« und die Süddeutsche Zeitung meldete die »Rückkehr eines Gespenstes«. Beide Überschriften sind vor dem Hintergrund der Tatsache, dass laut Statistiken der Food and Agriculture Organization (FAO) seit mehr als einem halben Jahrhundert durchschnittlich über ein Fünftel der Weltbevölkerung hungert oder mangelernährt ist, genauso reißerisch wie grundfalsch.

Alte Hüte

Das eigentlich bemerkenswerte an der aktuellen Debatte ist nicht ihr Neuheitswert, sondern die Tatsache, dass das Jahrzehnte alte »Märchen vom strukturellen Nahrungsmangel«, ganz plötzlich und unter leicht veränderten Vorzeichen erneut aus seinem »Verlies für Verlegenheitsschlagzeilen« ans Tageslicht entlassen wurde. Es lohnt sich daher, den Blick zurück zu richten auf die späten 50er Jahre in der BRD; Zurück auf eine inzwischen wieder wohlgenährte deutsche Bevölkerung, die, (die Erinnerungen an die Nahrungsengpässe der Nachkriegsjahre noch schemenhaft im Hinterkopf) fast verwundert feststellte, dass nicht überall auf der Welt Kartoffelschneidemaschinen die Kartoffeln auf Einheitsgröße schälten, sondern Hunger und Mangelernährung einen großen Teil der Bevölkerungen in den damals so genannten »unterentwickelten Ländern« betraf. Obwohl die BRD bereits 1950 der FAO beigetreten war, die 1945 mit dem Ziel angetreten war, den weltweiten Hunger zu »besiegen«, war die Informationslage in Westdeutschland zunächst spärlich. Doch der Tenor der Aussagen einiger weniger »Experten« ließ Schlimmes erahnen: Millionen hungernder Menschen, die sich unkontrolliert vermehrten, seien drauf und dran die Erde kahl zu fressen. Mit Hilfe von vermeintlich hieb- und stichfesten Statistiken wurde belegt, dass zu wenig Nahrung für die bis zu acht Milliarden Menschen, die bis zum Jahre 2000 den Planeten bevölkern könnten, vorhanden sein würde. Die Schließung der »Kalorien- und Eiweißlücke« (wie die Tatsache, dass jährlich hunderttausende Menschen an Hunger oder hungerinduzierten Krankheiten starben, im Fachjargon genannt wurde) wurde entsprechend zum hohen Ziel erklärt.

X+Y (+N) = Weltfrieden

Die Lösungsformel war so einfach wie naiv: Geburtenzahlen in den Entwicklungsländern runter, Nahrungsmittelerzeugung rauf und in der Zwischenzeit mit Nahrungsmittelhilfe »zufüttern«. An die erste Variable wurde sich mit Feuereifer gemacht, vor allem medial wurde die Bedrohung durch die so genannte »Bevölkerungsexplosion« aufbereitet. Der Spiegel titelte 1962: »Mehret euch nicht!« und drohte, dass Kriege und vagabundierende hungernde Massen auch die Industriestaaten überrollen könnten.
Luxusprodukt in jeder Hinsicht
Mit teilweise offen rassistischen Stereotypen wurden Ängste vor »Überbevölkerung« geschürt, während auf politischer Ebene massiver Druck auf die Regierungen der »Entwicklungsländer« ausgeübt wurde, endlich eine »vernünftige« (das heißt den Industriestaaten genehme) Bevölkerungspolitik zu betreiben.
Die zweite Variable, die Erhöhung der Nahrungsmittelerzeugung in den »Entwicklungsländern«, gestaltete sich ebenfalls schwierig. Vor der Kulisse ruinös niedriger Weltmarktpreise, die über Jahrzehnte durch Exportsubventionen der Überschuss erzeugenden Staaten immer weiter gedrückt worden waren, war kostendeckende Landwirtschaft vielfach nicht möglich. Auch die »Grüne Revolution«, und der Einsatz von genetisch verändertem Saatgut brachten nur spärliche Erfolge und schufen vor allem zahlreiche neue Probleme. In Anbetracht der fortgesetzt fehlenden Kaufkraft der hungernden Menschen, bot sich als Maßnahme gegen »den akuten Hunger« vor allem die bereits angesprochene Nahrungsmittelhilfe an.
Gerade diese erwies sich vor allem für die Geberländer als Geschenk des Himmels. Denn bereits in den 20er Jahren hatten einige Staaten, allen voran die USA, Probleme mit überschüssigem Getreide, das die Binnenmärkte extrem belastete. Auf dem europäischen Markt führte die 1962 in Kraft getretene Gemeinsame Agrarpolitik ebenfalls sukzessive zu Überschüssen bei landwirtschaftlichen Produkten. Ab Ende der 60er Jahre wurde nach Lösungen für künftige »Milchseen« und »Butterberge« gesucht, die nicht nur sündhaft teures Ergebnis protektionistischer Agrarpolitik waren, sondern auch die Gemüter all derer erhitzten, die nicht einsehen wollten, wieso in Europa und den USA Nahrung vergammelte, während »anderswo die Kinder verhungern«. Die Nahrungsmittelhilfe aus Überschussbeständen, die die USA seit 1954 unter dem wohlklingenden Titel »Food for Peace« lieferten, und die nach Bekunden des US-Präsidenten Eisenhower den Zweck hatte, die »Basis für eine dauerhafte Expansion unserer landwirtschaftlichen Exporte mit dauerhaften Vorteilen für uns und die Bevölkerungen anderer Länder“ zu legen, wurde ab 1967 auch in der EWG eingeführt.
Landwirtschaftliche Überschüsse, letztlich unverkäuflicher Abfall, wurde in »Hungergebiete« gebracht, verschenkt oder zu verbilligten Preisen verkauft. Dass diese vermeintlich milde Gabe in den Empfängerländern vor allem die lokalen Märkte ruinierte, indem den ortsansässigen Produzenten konkurrenzlos billige Dumpingprodukte vor die Nase gesetzt wurden, muss – ebenso wie der Einsatz dieser »Hilfen« als politisches Druckmittel der Geberländer – an anderer Stelle diskutiert werden.

Nicht Mangel sondern Politik

Die alleinige Existenz derartiger Nahrungsmittelhilfen in erheblichem Umfang verweist jedoch auf eine grundlegende Tatsache: Weniger fehlende Nahrung war das Problem, als vielmehr zunehmend überschüssige Lebensmittel. Das vorgebliche strukturelle »Weltnahrungsmitteldefizit« war letztlich niemals – weder vor 50 Jahren noch aktuell – ein wirkliches Mengenproblem. Das »Welternährungsproblem« war und ist ein Verteilungsproblem – damals wie heute geht es um politische Fragen. Selbst das Deutsche Bundesernährungsministerium fühlte sich 2002 bemüßigt zu schreiben: »Es ist deutlich geworden, dass Hunger weniger durch ein unzureichendes Nahrungsmittelangebot als vielmehr durch den fehlenden Zugang der Menschen zu diesen Nahrungsmittelbeständen verursacht wird. Tatsächlich hatte die Welt bereits vor 50 Jahren infolge fehlender Kaufkraft ein Problem mit »Nahrungsmittelüberschüssen«.« Oder wie der Nobelpreisträger Amartya Sen es fasste: »Was wir essen können, hängt davon ab, was wir an Nahrung erwerben können. Das bloße Vorhandensein von Nahrungsmitteln in der Volkswirtschaft oder auf dem Markt berechtigt noch keinen Menschen, diese zu konsumieren.«
Dies lässt auch die aktuelle Debatte in einem anderen Licht erscheinen. Dass Mais und andere ehemalige Nahrungspflanzen heute zunehmend zur Ethanol- oder Biodieselproduktion verwandt werden oder direkt in Rindermägen wandern, liegt letztlich auch daran, dass dies sich rechnet. Wer den Zugang zu einer so grundlegenden Ressource wie Nahrung marktförmig organisieren will, der kann es nicht gleichzeitig unmoralisch finden, wenn Produzenten ihre Produkte an jene verkaufen, die dafür in harter Währung aufkommen. Und Fakt ist, dass hunderte Millionen Individuen weltweit genau das nicht können.
Wer essen will. muss dafür bezahlen, so lautet die einfache Formel in arbeitsteilig organisierten kapitalistischen Gesellschaften. Und wer nichts bezahlen kann. der darf nun mal auch nicht essen. Dass es im Kapitalismus immer Menschen geben wird, die nicht zahlen können und also auch nicht essen, ist allerdings nun mal kein ungünstiger Zufall, sondern hat »System«.

HW