»Wir sind mit vielen Dingen unzufrieden«

Angesichts des rasanten Sozialabbaus der letzten Jahre, der Überwachung nach innen und den Kriegseinsätzen nach außen, scheint der Kampf aktueller und wichtiger denn je. Der Antiberliner lud zwei Aktivisten des Berliner 1.-Mai-Bündnisses zum Gespräch über den revolutionären ersten Mai und dessen heutige Bedeutung ein.

Der erste Mai steht vor der Tür. Am traditionellen Kampftag der Arbeiterbewegung wird auch heute noch für mehr Gerechtigkeit und die Perspektive einer freien Gesellschaft gekämpft. Warum geht ihr am ersten Mai auf die Straße?
Nun, wir sind mit einer ganzen Reihe von Dingen unzufrieden. Ob es nun die sich immer weiter verschärfende Kluft zwischen arm und reich ist, oder die unsoziale Stadtumstrukturierung - wie vor allem aktuell in Kreuzberg und Nordneukölln zu beobachten – die preiswerten Wohnraum vernichtet und so zur sozialen Verdrängung der dort lebenden Bevölkerung beiträgt. Wir stellen uns gegen die immer dreistere Überwachung der Bevölkerung und gegen die Kriegspolitik der westlichen Industriestaaten.
Wie passt diese Vielzahl von Themen zusammen?
Auch wenn es sich erstmal sehr beliebig anhört, sehen wir hier schon einen klaren Zusammenhang. Wir leben in einer Gesellschaft, in der es nicht um die Bedürfnisbefriedigung ihrer Mitglieder geht, sondern darum, für einzelne einen möglichst hohen Gewinn zu erzielen.
Hauswand, Kreuzberg
Eine solche Gesellschaft wird notwendigerweise immer mehr Verlierer als Gewinner erzeugen. Was wir in den letzten zehn Jahren erlebt haben, ist ein gigantischer Angriff auf soziale Errungenschaften und Sicherungssysteme. Hartz IV und Agenda 2010 sind die praktischen Ausformungen dieses Angriffes.
Gerade der erste Mai mit seiner kämpferischen Tradition ist der Tag unsere Kritik an dieser Entwicklung zu formulieren und die Perspektive einer Gesellschaft jenseits des Kapitalismus auf die Straße zu tragen.
Was ist konkret geplant? Wo können sich die Unzufriedenen und Unterdrückten einreihen?
Wir werden mit vielen linken Gruppen eine kraftvolle und lautstarke Demonstration durch Kreuzberg organisieren. Kreuzberg ist in einem besonderen Maße von sozialen Angriffen betroffen. Hier wohnen besonders viele Menschen die von Hartz IV leben müssen, hier ist die Arbeitslosenquote besonders hoch. Gleichzeitig finden hier besonders heftige soziale Verdrängungsprozesse statt, es werden neue Luxuswohnungen gebaut, die Mieten steigen immer weiter und viele alternative Projekte sind bedroht. Auf der anderen Seite lassen sich aber in Kreuzberg auch Beispiele erfolgreichen Widerstands finden. So beispielsweise die Köpi, die es durch vielfältige Aktionen geschafft hat langfristige Mietverträge zu bekommen. Oder die Initiative »Media-Spree versenken«, die innerhalb einiger Monate 16.000 Unterschriften gegen die vollständige Bebauung des Spreeufers gesammelt hat. An diese Erfolge wollen wir anknüpfen.