Allgegenwärtige Gefahr? Zur Konjunktur von Feindbildern

Nach dem Schock des 11. September 2001 brachen Hysterie und Panik hinsichtlich einer »neuen Bedrohung« auch in Deutschland aus. Massenmedien wie auch Politiker griffen die Angst der Bevölkerung auf, forcierten diese regelrecht und waren aktiv an der Reaktivierung und Etablierung eines »neuen« alten Feindbildes beteiligt. Ohne große Differenzierungen vorzunehmen, wurden »Muslime« schnell unter einen Generalverdacht gestellt. In der Folge konnten sicherheits- und kriegspolitische Entscheidungen getroffen und umgesetzt werden, die in diesem Maße ohne den Schock des Ereignisses, ein diffuses Bedrohungsszenario und die Konstruktion von einem Feindbild nicht möglich gewesen wären.

Immer noch allgegenwärtig ist der Diskurs um die abstrakte Gefahr und die ebenso abstrakten Feinde. Die Menschen fühlen sich verunsichert und leben in einem mal mehr, mal weniger bewusst erlebten Angstzustand. In einem solchen gesellschaftlichen Angstklima entstehen leicht weitere Bedrohungsszenarien und Feindbilder, die wiederum neue repressive Maßnahmen legitimieren.
Das »Feindbild« wurde im Rahmen der kritischen Friedens- und Konfliktforschung als zentrales Element des Abschreckungssystems herausgearbeitet und seine Bedeutung zur Rechtfertigung von Sicherheits- und Militärstrategien hervorgehoben. Bei Feindbildern handelt es sich um sehr negative, stereotype, hochemotionale und veränderungsresistente Vorurteile gegenüber Personengruppen, Ländern, Ideologien oder Religionen. Sie legen unter Umständen sogar die Vernichtung des Feindes nahe. Einige Feindbilder existieren bereits seit Jahrhunderten, wie das Feindbild Islam, welches im Mittelalter entstanden ist. Trotz einzelner Veränderungen scheint vor allem ein Aspekt Bestand zu haben: »Der« Islam sei per se gewalttätig und stelle daher eine ernste Bedrohung dar.

Das absolut negative Andere

Feindbilder erfüllen eine Vielzahl von Funktionen. Für das einzelne Individuum bieten sie in erster Linie Stabilisierung durch eigene Aufwertung und ermöglichen eine gesellschaftspolitische Orientierung durch die Reduktion sozialer Komplexität.
Eine Aufwertungsfunktion für die Eigengruppe und somit für das Individuum selbst erfolgt durch das »dichotome« Schema der positiven und negativen Zuschreibungen. Während die Eigengruppe sich selbst als überzogen positiv darstellt, wird die Feindgruppe als negativer Gegenpol gezeichnet.
Demokratie und Menschenrechte á la Abu Grahib
Der absolut negative Blick auf den Feind ist ein wichtigstes Spezifika, daß dem Feindbild innewohnt.
Dabei erscheint der Feind als ausgesprochen »monolithisch«, d. h. er wird als uniformes, geschlossenes Ganzes begriffen. Mögliche Meinungsunterschiede, die in der konstruierten Feindbildgruppe real existieren, werden ausgeblendet. Durch die Annahme des monolithischen Gegners wird das subjektive Bedrohungsgefühl weiter bekräftigt: Der Gegner erscheint dadurch größer, zentralistisch organisierter in seinen Entscheidungsstrukturen und geschlossener im Auftreten. Ganz eng damit verbunden ist das »Worst-Case-Denken«, d. h. der gegnerischen Seite wird unterstellt, dass sie zu maximalen Nutzen strebt, was für die eigene Seite den maximalen Schaden bedeutet. Es wird davon ausgegangen, dass es in der Natur des Feindes liegt, dass dieser aggressive Absichten zu »meinem« Schaden hegt, somit erscheint eine Worst-Case-Überlegung als gerechtfertigt. Während von der als Feind angesehenen Gruppe die vermeintliche Bedrohung und Gefahr ausgeht, vermittelt die Eigengruppe Schutz und Geborgenheit.
Weiter bieten Feindbilder gesellschaftsschaftspolitische Orientierungen an. Menschen sind ständig gezwungen Bewertungen von Ereignissen vorzunehmen, um Entscheidungen treffen zu können. Diese Ereignisse können komplex sein, wenn der Informationsgehalt sehr hoch ist, so dass es notwendig ist, diese Komplexität zu reduzieren und Wichtiges von Unwichtigen zu trennen. Hinsichtlich der enormen Komplexität internationaler Konflikte und Politik findet hier in besonderem Maße eine Reduktion der bestehenden Komplexität statt: Es wird häufig zu einfachen Beurteilungsschemata gegriffen und daher bieten Feindbilder gerade hier simple Orientierungsfunktionen an.

Diskursive Produktion von Feindbildern

Der Existenz kollektiver Feindbilder liegen soziale Kommunikationsprozesse zugrunde, sprich die Produktion von Feindbildern findet vor allem diskursiv statt. Gesellschaftliche Diskurse werden in erster Linie medial geprägt, dass heißt, sie finden in allen modernen Kommunikationsmedien statt. Hier wirken insbesondere gesellschaftliche Eliten, die durch ihren Status in der Gesellschaft gehört werden. Platt gesagt, Feindbilder werden meist »von oben« produziert und »von unten« rezipiert und weiter forciert. Die sich überschlagende mediale Darstellung  nach dem 11. September 2001 war insbesondere gekennzeichnet durch eine »dichotome und monolithische« Wahrnehmung zwischen der »zivilisierten Welt« und der »Achse des Bösen«. »Der« Westen vereinte auf sich universale Werte wie Demokratie, Menschenrechte und Säkularismus, wohingegen in »der« östlichen Welt ausschließlich Gottesherrschaft und islamische Rechtsordnung bestimmend seien. Die Bedeutung der Menschenrechte ist spätestens mit Guantánamo und Abu Ghraib hinfällig. Weiter wurde ein »worst-case Szenario« für die »freie Welt« durch High-tech und ABC-Waffen aufgebaut und schließlich als Rechtfertigung für den Krieg gegen den Irak genutzt, ausgeblendet wurde dabei jedoch, dass bei den Anschlägen vom 11. September 2001 selbst nur Teppichmesser als Waffen zum Einsatz kamen.
Angesichts eines solchen Feindbilddiskurses verschwimmen real existierende Gegensätze und Interessenskonflikte wie die zwischen arm und reich, Arbeit und Kapital. Mögliche Konfliktpotentiale, die mit diesen objektiven Widersprüchen verknüpft sind, können dadurch zumindest zeitweise aufgehoben werden. Bisherige Differenzen innerhalb der Eigengruppe werden angesichts der »gemeinsamen Bedrohung« zurückgestellt und es wird verstärkt Wert auf inneren Zusammenhalt gelegt. Folglich übernimmt die Produktion von Feindbildern eine wichtige Funktion zur Herrschaftssicherung. Gerade vor dem Hintergrund der globalen kapitalistischen Entwicklungen und der damit einhergehenden Ohnmacht und Existenzangst vieler Menschen, die zu generellen und andauernden Unsicherheitsgefühlen führen, können bestimmte Bedrohungsszenarien noch verstärkt werden. Feindbilder werden durch gesellschaftliche Eliten also instrumentalisierend zur Legitimation genutzt und zum Ausschluss des jeweils Anderen verwendet.

Konsequenzen für die vermeintlichen Feinde

Die Feindbilder wirken nicht nur auf internationaler Ebene, sondern auch innerhalb einer Gesellschaft. Weiter bleiben sie nicht nur auf der diskursiven Ebene angesiedelt,
20.05.2006, Aufmarsch von 400 Heinersdorfer Bürgern gegen den geplanten Moscheebau in Berlin-Pankow
sondern haben häufig reale Konsequenzen für die Betroffenen. Diese sehen sich meist zunächst mit einer Entsolidarisierung konfrontiert, die sich im weiteren Verlauf in einer Ausgrenzung oder dem Ausschluss der Betroffenen aus der Gesellschaft zuspitzen kann. Beispielhaft dafür sind die Ereignisse, die sich 2006 im Berliner Ortsteil Heinersdorf ereigneten, als das Bauvorhaben einer Moschee der Ahmadiyya-Muslimgemeide bekannt wurde. Aufgebrachte Heinersdorfer Bürger organisierten Unterschriftenlisten und Demonstrationen gegen den Bau. Eine einberufene Bürgerversammlung zu der 1.200 Bürger kamen eskalierte so sehr, dass die anwesenden Muslime unter »Haut ab«-Rufen und Polizeischutz die Halle verlassen mussten.

Die Konstruktion von Feindbildern hat Konjunktur

Zur Entstehung von Feindbildern trägt also immer eine Gemengelage aus historischen Gegebenheiten, ideologischen Elementen und funktionalen Bedürfnissen einer Gesellschaft bei. Inwiefern solche Feindbilder in einer Gesellschaft wirken und kultiviert werden können, ist jedoch immer von der jeweiligen Gesellschaft und ihren Interessen abhängig. Die gegenwärtig immer abrufbare Vorstellung einer realen Bedrohung und realer Feinde, sowie die damit verbundene Durchsetzung repressiver und autoritärer Maßnahmen sagen viel über den momentanen Zustand der Gesellschaft aus. Dass die von solchen Maßnahmen massiv betroffene breite Öffentlichkeit stillhält oder sie auch wohlwollend unterstützt – dies auch im Verhältnis zu den Bürgerprotesten gegen die Notstandsgesetze vor einigen Jahrzehnten – sollte mehr als beunruhigen.