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Dreißig Jahre Deutscher
Herbst Die Terrorhysterie hat nach der Verhaftung von drei mutmaßlichen Jihadisten ein seit Jahren ungekanntes Niveau erreicht. Wegen der vermeintlichen Gefahr ist, laut Meinungsforschungsinstitut Emnid, jeder zweite Deutsche bereit Einschränkungen seiner Freiheitsrechte hinzunehmen. Beste Voraussetzungen für neue Sicherheitsgesetze und ein kleines bisschen Geschichtsklitterung. So wird der Ausbau des autoritären Sicherheitsstaats durch eine mediale Kampagne zur Umdeutung bundesrepublikanischer Geschichte begleitet. Anschaulich demonstrieren lässt sich dies an der ARD-Dokumentation »Die RAF: Der Krieg der Bürgerkinder«. Denn während der Begriff »Deutscher Herbst« eigentlich auf eine Kurzfilmreihe zurückging, die sich kritisch mit der staatlichen Reaktion auf die Kriegserklärung der Roten Armee Fraktion (RAF) auseinandersetzte, wird er dort zum »Herbst des Terrors« durch die Stadtguerilla. Das Ziel dieses erinnerungspolitischen Diskurses ist klar: Der »Deutsche Herbst« soll fortan nicht mehr Synonym sein, für den Rückfall der BRD in finsterste Polizeistaatlichkeit, sondern Sinnbild für die angebliche Doppelmoral des bewaffneten Kampfes. Kampf um die Erinnerung Es war demnach nur die »Wahrnehmung der Studenten«, in der die Rechtsstaatlichkeit außer Kraft gesetzt wurde. So wären die Haftbedingungen für die RAFGefangenen in Wahrheit unvergleichlich gut gewesen und der Tod Ulrike Meinhofs nicht auf die Folgen der Isolationshaft oder einen kurzen Prozess, sondern auf das Mobbing ihrer Genossen zurück zu führen. Der autoritäre Staat wird aus dem Fokus der Kritik genommen,die Mitglieder der RAF werden zu selbstsüchtigen Unmenschen degradiert. Dass auch um die Glaubwürdigkeit der Selbstmordthese zum Tod von Gudrun Ensslin, Andreas Baader und Jan-Carl Raspe jahrzehntelang gerungen wurde, findet schlichtweg keine Erwähnung. So verschwindet die internationale Empörung im Nirvana der Erinnerung. Folgerichtig wird dann auch die Aussage Irmgard Möllers, welche die Todesnacht von Stammheim mit zahlreichen Messerstichen in der Herzgegend überlebte und seither von einem staatlichen Mordversuch spricht, als letzter fanatischer Anschlag auf das Image des Staates interpretiert. Opportunisten und Nazis Um die These der ideologischen Verblendung einer ganzen Generation zu untermauern, werden schließlich die üblichen Opportunisten vor die Kamera geholt. Nicht nur Kleingeister wie Rainer Langhans oder Hans-Joachim Klein bekommen abermals ein Podium. Auch Anschwärzer Peter- Jürgen Boock und notorische Selbstdarsteller wie Daniel Cohn-Bendit stimmen in den hegemonialen Tenor ein. Kritische Zeitzeugen, die es zweifelsohne gibt, kommen keine Sekunde zu Wort. Völlig unbedenklich darf dafür Auschwitzleugner Horst Mahler minutenlang schwadronieren und sich über die Adlung als akzeptabler Gesprächspartner für das staatliche Fernsehen freuen. Opfer und Täter Da wundert es kaum, dass im aktuellen Diskurs auch der überzeugte Antisemit und SS-Offizier Hanns-Martin Schleyer rehabilitiert wird. Im Fazit einer Dokumentation, die sich auf die gleichen Interviews stützt und vor allem auf die Opfer der RAF konzentriert, waren diese nämlich allesamt wunderbar tolerante Menschen. Wohlwollend interpretiert der Film also Schleyers Israel-Besuch, den er in seiner späteren Funktion als deutscher Arbeitgeberpräsident abhielt, als Zeichen der Läuterung. »Menschen können sich eben ändern.« Dass dies jedoch nicht für die RAF-Gefangenen gelten soll, sagt einiges über das derzeit opportune, politische Koordinatensystem aus. |
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