Reservoire der Hoffnung – Gedenkstätten in Vietnam

Als am 30. April 1975 die Fahne der Demokratischen Republik Vietnam auf dem Präsidentenpalast in Saigon gehisst wurde und die letzten US-Soldaten panisch die Stadt per Hubschrauber verließen, ging einer der längsten und blutigsten Kriege der Menschheitsgeschichte zu Ende.

Der Krieg, den die Amerikaner »Vietnamkrieg « und die Vietnamesen »Amerikanischen Krieg« nennen, hat eine über 30jährige Geschichte.
Vormals als französische Kolonie »Indochina« wurde Vietnam während des Zweiten Weltkriegs von Japan besetzt. Nach dem Ende des Krieges rief Ho Chi Minh die »Demokratische Republik Vietnam « aus, daraufhin versuchte Frankreich die Kolonie wieder zu erlangen. Der anschließende Krieg konnte durch die Vietminh gewonnen werden. Als es 1956 zu gesamtvietnamesischen Wahlen kommen sollte, brach ein 19 Jahre dauernder Bürgerkrieg zwischen der »Demokratischen Republik« im Norden und den von den USA unterstützten Südvietnamesen unter dem Diktator Diem aus.
Ab 1965 begannen die USA durch Bombardierungen und Marines aktiv in den Krieg einzugreifen.
Der Preis für ein unabhängiges und wiedervereinigtes Vietnam war unvorstellbar hoch ­ rund zwei Millionen Vietnamesen sind allein unter japanischer Besatzung verhungert und mindestens zwei Millionen in den Jahren nach 1961 getötet worden.
Heute sind zwei Drittel der vietnamesischen Bevölkerung nach dem Sieg über die amerikanischen Streitkräfte geboren und kennen den Krieg nur aus Erzählungen. Die Spuren der Vergangenheit sind trotzdem alltäglich: Immer noch wird scharfe Munition aus der Erde hoch geschwemmt und Explosionen verursachen bis heute Tote und Verletzte. Die durch das im Agent Orange enthalte Dioxin verursachten Erkrankungen treten inzwischen in der dritten Generation auf.

Hoffnung auf besseres Leben

Die alte kommunistische, gesellschaftlich egalitäre Vision ist inzwischen so gut wie verschwunden, aber der Stolz auf die nationale Befreiung lebt fort. Mit der Erinnerung an die Befreiung wird ein Reservoir der Hoffnung auf ein besseres Leben erhalten.
Monumente und Gedenkstätten in Vietnam sind keine Gegenstücke zum Vietnam Memorial in Washington, selten greifen die Mahnmale zu abstrakter Formsprache und vielerorts finden sich brachiale Heldendenkmäler.
Oft stellen die Gedenkorte erbeutete Waffen in den Mittelpunkt, wie im winzigen Huu Tiep-See im Nordwesten Hanois, wo Wrackteile eines abgeschossenen B-52-Bombers ausgestellt sind, die Jahrzehnte seit dem »Weihnachtsbombardement« 1972 überdauert haben.

Das Massaker von My Lai

Am Morgen des 16. März 1968 überfiel eine US-Kompanie das Dorf My Lai, vergewaltigte Frauen und ermordete 503 Bewohner, vom Kleinkind bis zum Greis. Die Gräueltaten wurden von einem Fotografen dokumentiert und gelangten erst etwa ein Jahr später an die Weltöffentlichkeit. Die Veröffentlichung markierte eine Wende in der öffentlichen Meinung zum Vietnamkrieg und trug entscheidend zur Mobilisierung der Antikriegsbewegung bei.
Am Ort des Massakers befindet sich heute eine Gedenkstätte, deren Kern das Gelände des damaligen Dorfes bildet. Fundamente der abgebrannten Hütten wurden rekonstruiert ­ an jeder Hütte findet sich ein Hinweisschild mit dem Namen der Familie, die dort gewohnt hat, Namen und Alter der Opfer werden aufgezählt. Auf den mit Zement ausgegossenen Wegen zwischen den Ruinen der Hütten sind die Abdrücke der Soldatenstiefel eingeprägt, man kann ihrem Weg von Hütte zu Hütte folgen, und an manchen Stellen mischen sie sich mit den Abdrükken ihrer barfüßigen Opfer.
Das Museum auf dem Gelände der Gedenkstätte dokumentiert das Massaker mit Fotostrecken und einer zentralen Marmortafel mit allen Namen der Opfer. Die Ausstellung informiert sachlich über den weiteren Werdegang der beteiligten US-Soldaten. Nur vier von ihnen wurden vor ein Militärgericht gestellt, aber lediglich der befehlshabende Offizier wurde verurteilt und nach ein paar Tagen Haft von Richard Nixon begnadigt. Auch über die wenigen USSoldaten, die den Mordbefehl verweigerten und einige Bewohner von My Lai retten konnten, berichtet die Ausstellung.
Während in My Lai Gestaltung und geografische Abgeschiedenheit des Ortes dafür sorgen, dass sich dort nur interessierte Besucher einfinden, leidet die Aussagekraft anderer historischer Stätten unter ihrer freizeitparkähnlichen Vermarktung und karikiert mitunter die politische Dimension des »Vietnamkrieges«.

Die Tunnel von Cu Chi

60 Kilometer nordwestlich von Ho Chi Minh Stadt sind in Cu Chi die Reste eines Tunnelsystems erhalten, in dem sich vietnamesische Partisanen zwischen 1960 bis 1975 versteckt hielten. Die ersten Tunnel wurden 1948 im Krieg gegen Frankreich gebaut. In den 1960er Jahren wuchs das Tunnelsystem auf drei Ebenen auf eine Länge von 250 Kilometern an. Unter der Erde entstanden Schulen, Lazarette, Büros, Schlafgelegenheiten usw. Kleine Falltüren, die mit Laub und Gras bewachsen waren,waren die einzigen Zugänge und durch einfache, aber wirkungsvolle Fallen gesichert. Die USA und ihre Verbündeten versuchten mehrmals erfolglos die Tunnel einzunehmen oder zu zerstören.
Heute besichtigen Hunderte Touristen die Reste der Tunnelanlagen. Dort werden Tunneleingänge und mannigfache Fallen vorgeführt, die einfach hergestellten Verteidigungswaffen lassen die Besucher erschaudern, einzig der Tourist Guide scheint sich zu amüsieren. Ein beklemmender Besuch in einem der Tunnel ­ 30 Meter auf allen Vieren durch eine dunkle, enge Lehmröhre ­ rundet die Besichtigung ab. Zum Abschluss erwartet die Besucher ein Souvenirshop mit Eis, Bier und scharfer Munition, mit der auf dem gedenkstätteneigenen Schießstand mit einem Maschinengewehr herumgeballert werden kann.