»Sich selbst erstmal keine Angst machen«

Johannes Specht arbeitet zum Thema Sicherheitsdiskurse. Der Antiberliner sprach mit dem Berliner Politikwissenschaftler über den Zusammenhang zwischen Angstkultur und Aufrüstung.

Der internationale Terrorismus als Bedrohung von Außen, gewalttätige Autonome im Inneren – wie groß ist die Gefahr für die Menschen hier?
Wie groß die Gefahr tatsächlich ist, kann ich nicht genau bestimmen. Ganz sicher ist nur, dass sie im öffentlichen Diskurs massiv überbewertet wird. Viel interessanter ist hierbei jedoch, was für eine gesellschaftliche Funktion diese ständig präsente Gefahr, die uns anscheinend »alle betrifft«, erfüllt. Sie produziert nämlich Angst.
Angst hat eine gesellschaftliche Funktion?
Ja. Angst ist ein Herrschaftsinstrument. In Diktaturen spielt sie sogar eine überaus große Rolle, die deutliche Drohung mit physischer und psychischer Gewalt bei einem »Fehlverhalten «. Aber auch in demokratischen Staaten hat Angst ganz spezifische, wichtige Funktionen für das Regieren von Menschen.
Hier schafft Angst vor allem ein meist irrationales Unsicherheitsgefühl – und der Staat, aber auch private Sicherheitsfirmen, können sich dann als die großen Beschützer präsentieren. Interessant ist doch, dass diejenigen, die die Angst heraufbeschwören auch meist diejenigen sind, die die passenden Lösungsvorschläge anbieten.Als großer Beschützer vor den anscheinend monströsen Gefahren aber brauchen Polizei, Geheimdienste, Armee und Justiz dann schleunigst die Gelder und Gesetze für eine Aufrüstung ihrer »Werkzeugarsenale«. Und natürlich die breite Zustimmung in der Bevölkerung für ihr staatlich-repressives Vorgehen. Um all das umzusetzen braucht es der ständig wiederholte Gefahrendiskurse, die uns allen Angst machen sollen. – Solche Mechanismen machen mir viel mehr Angst, wenn du mich fragst.
Wer verbreitet diese Angst?
Auf der einen Seite Menschen, die ein unmittelbares, strategisches Interesse an der inneren und äußeren Aufrüstung haben: Also regierende Politiker oder auch Vertreter von Sicherheitsapparaten und Sicherheitsindustrie. Auf der anderen Seite produzieren aber auch die Massenmedien mit an dieser Stimmung. Das muss in den Medien nicht immer als bewusste Strategie passieren: Die einzelnen JounalistInnen re-produzieren die Angst nach einem ihnen bekannten Schema, denn auch sie sind schließlich mit den Terrordiskursen aufgewachsen.
Kann dagegen überhaupt etwas unternommen werden?
Es ist schwierig, dem entgegen zu wirken, da diese Angstdiskurse momentan sehr präsent sind. Mit eigenen Medien über diese Mechanismen und die Angsthetze aufzuklären, ist ein wichtiger Punkt. Daneben ist es sehr wichtig, auch in den Massenmedien mit anderen Einschätzungen der Lage präsent zu sein oder zu werden. Der erste Schritt aber ist es, sich selbst keine Angst machen zu lassen. Sich mit Anderen zu organisieren, Erfahrungen auszutauschen und zu diskutieren kann dabei hilfreich sein, denn wer nicht allein ist, lässt sich nicht so leicht für dumm verkaufen und Angst einjagen.