Italien und das Jahr 1977

Ähnlich wie in der BRD, ist auch in Italien das Jahr 1977 ein Kristallisationspunkt linker Bewegung. Was in der BRD als »Deutscher Herbst« ins kollektive Bewusstsein gerückt ist, ist in Italien eng mit den »Roten Brigaden« (Brigate Rossa – BR), der Autonomia und der Reaktion der Staatsmacht verbunden.

Die Wurzeln der 77er Bewegung liegen im postfaschistischen Italien der fünfziger und sechziger Jahre: Durch die voranschreitende Industrialisierung, besonders in Norditalien, sowie die zunehmende Herausbildung einer Konsumgesellschaft, traten ökonomische, soziale und kulturelle Widersprüche offen zu Tage. Die Kommunistische Partei Italiens (PCI) war nicht in der Lage, die Bedürfnisse einer neuen Generation zu erkennen, so dass diese sich neuen Politik- und Organisationsformen zuwendete.

»Wir wollen alles«

Die neu entstandene Bewegung erhielt Zulauf und Unterstützung von breiten Teilen der Bevölkerung. Im Fokus ihres politischen Denkens und Handeln stand das Subjekt. Grundlage des politischen Verständnisses war die Autonomie dieses Subjektes, das nicht länger warten will, sondern sich kollektiv zusammenschließt, um sich zu nehmen, was ihm zusteht. Am deutlichsten spiegelte sich dieses in der Parole »Wir wollen Alles« wieder.
Die Bewegung lebte von ihrer Breite, den Stadtteilinitiativen,den Fabrikgruppen, den Hausbesetzungen, den feministischen Gruppen, sowie den unzähligen Zeitungs- und Radioprojekten.
Infoladen Fusion in Berlin während der »Razzia gegen G8-Gegner – Terror-Angst!« (BILD)
Neue Themen fanden sich in den Diskussionen der Linken wieder, genauso wie neue Kommunikations- und Organisationsformen.
Schon bei den Auseinandersetzungen in den sechziger Jahren, kam es zur Radikalisierung der Bewegung. Es entstanden Gruppen wie »22. Oktober« (oder die Partisanengruppe GAP), die mit Anschlägen auf Autos oder Maschinenzerstörungen, die Forderungen der Bewegung radikalisiert widerspiegelten. Dabei operierten die Gruppen teilweise offen, was ihnen eine hohe Legitimität in der Bewegung sicherte.
In den siebziger Jahren nehmen die Spannungen zwischen der neuen linken Bewegung und der etablierten Herrschaft zu. Im Jahre 1977 fanden bereits über 2.000 bewaffnete Aktionen statt, Gruppen wie die 1970 entstandenen BR hatten großen Zulauf, und auch in den folgenden Jahren kam es immer wieder zu bewaffneten Aktionen.

Unbekannte Militanzqualität

Nach dem die Spannungen zu nahmen und die staatliche Seite eng mit faschistischen Organisationen gegen die linke Bewegung vorgingen, wurde auch das Niveau der Auseinandersetzungen immer härter. So wurde die besetzte Universität von Bologna 1977 militärisch geräumt. Im Zuge dieser Auseinandersetzung wurde ein Jugendlicher von einem Carabinieri erschossen. Die anschließenden Demonstrationen in verschiedenen italienischen Städten fanden ihren Ausdruck in einer unbekannten Qualität an Massenmilitanz. Mit Waffen und Molotowcocktails ausgerüstet, wurden Polizeireviere, Kasernen und Parteibüros angegriffen. Es kam zu Schießereien mit der Polizei, sowie der anschließenden militärischen Besetzung mehrerer Städte wie Rom, Bolgna und Mailand.

Flucht ins Exil

Eine Repressionswelle brach über die Bewegung herein. Linke Zentren und Treffs wurden gestürmt und zerstört, Massenverhaftungen fanden statt, denen über 15.000 Linke zum Opfer fielen. Eine der bekannesten Personen war Antonio Negri. Aktivisten wie Negri mussten ins Exil fliehen und leben teilweise heute noch dort.
Die Bewegung war zerstört, da sie nicht in der Lage gewesen war auf die Repressionen eine Antwort zu finden. Nur langsam gelang es in Italien eine radikale Linke wieder aufzubauen. Die gesellschaftspolitischen Ereignisse in Italien 1977 sind nicht nur für die italienische Linke ein wichtiger Bezugspunkt, der Fragen aufwirft und Inspiration gibt.