»Vietnam und die Altnazis waren ein großes Thema«

Die spektakulärste Aktion der Bewegung 2. Juni war die Entführung des CDU-Politikers Peter Lorenz. Er verbrachte fünf Tage im »Volksgefängnis der Bewegung 2. Juni«. Es ist die einzige Entführung in Deutschland, die eine Befreiung von Gefangenen zur Folge hatte. Der Antiberliner sprach mit Ronald »Ronnie« Fritzsch. Er war in der Bewegung 2. Juni und saß als politischer Häftling im Gefängnis.

Wer hat mehr Banken überfallen, die Bewegung 2. Juni oder die Rote Armee Fraktion?
Keine Ahnung.
Wie viel Banken habt ihr überfallen?
Da muss ich mal in der Anklageschrift gucken, ich glaub’ es waren zehn.
Was habt ihr mit dem Geld gemacht?
Im Wesentlichen haben wir die Illegalen und deren Strukturen finanziert. Daneben wurden aber auch mehrere legale Projekte finanziell unterstützt. Es ging alles in einen Topf, ob es eine Bank oder sonst was war. Jeder hatte 150 DM die Woche, dazu die Miete. Das war nicht viel, aber es war ausreichend. Es konnte sich dadurch kein Lebensstil entwikkeln, wo Leute auf die Idee kommen könnten, deswegen Banken zu überfallen.
Was für Schlussfolgerungen kann man heute aus der Erfahrung der verschiedenen bewaffneten Gruppen und der gesamten Linksradikalen in Deutschland in der Zeit zwischen den siebziger Jahren und dem Fall der Mauer ziehen?
Dafür reicht hier der Platz nicht. Da müßte man den Antiberliner um ein paar Seiten erweitern. Eine bewaffnete Linke kann nur mit dem Hintergrund einer starken Linken existieren. Die RAF hat sich am Ende davon verabschiedet,
TV-Heulboje Till Schweiger spielte den Haschrebell in »Was tun, wenn’s brennt«
indem sie gesagt hat, ihr Bezugspunkt sei nicht die deutsche Linke oder die Bevölkerung hier, sondern die Völker des Trikonts, da es um die weltweite Befreiung gehe. Das macht es natürlich einfach, dann braucht man hier keine politische Rücksichtsnahme zu üben. Bei uns war das anders. Wenn es keine Linke gibt, die das politisch trägt, gibt es auch keine Leute, die das praktisch tragen. Dann gibt es auch keine illegalen Gruppen. Jeder Illegale braucht Leute, die legal sind, die Wohnungen besorgen, die Autos besorgen, die Papiere besorgen oder ihre Papiere zur Verfügung stellen. Dadurch, dass ein großer Teil von den Aktiven Mitte der Siebziger eingefahren ist und ein anderer Teil, der noch draußen war, sich die RAF-Positionen immer mehr angeeignet hat, ist ganz viel von der Unterstützung weggefallen. Eure Politik im Knast hat sich ja auch deutlich unterschieden. Die RAF hat ab 1977 für sich gefordert, nach der Genfer Konvention den Kriegsgefangenenstatus zu erhalten. Danach wollten sie behandelt, zum Beispiel zusammengelegt, werden. Wir haben den Knast als einen anderen Lebensraum gesehen,in dem wir unfreiwillig sind. Wir haben nicht so zwischen »sozialen« und »politischen« Gefangenen unterschieden. Wir haben gesagt, der Kampf geht hier weiter und zwar gemeinsam mit den »sozialen« Gefangenen.
Was war der politische und soziale Kontext, in dem die Bewegung 2. Juni entstand?
Die Bewegung war Ende der Sechziger Anfang der Siebziger sehr vielschichtig. Es gab kulturelle Veränderungen, es war ein Aufbegehren, auch in den Lebensformen. Es gab viele Versuche von selbstverwalteten Jugendzentren, Betriebsgruppen, Stadtteilgruppen, Kinderläden.
Gab es irgendwelche Vorfälle, warum sich diese Szene politisch radikalisierte?
Die Radikalisierung war in erster Linie eine politische, also die Ablehnung des Kapitalismus und des Imperialismus. Vietnam war ein großes Thema, ein anderes großes Thema waren die Altnazis, die die Bundesrepublik aufgebaut hatten. Natürlich gab es das Attentat auf Rudi Dutschke, aber ich würde das nicht an einzelnen Anlässen festmachen. Ich würde das als eine alltägliche Entwicklung beschreiben, in dem Sinne, dass man im Alltag einen politischen Standpunkt hat und an Grenzen stößt. Zum Beispiel war das der Fall bei den Leuten, die in Betriebsgruppen gegangen sind.
Ronald »Ronnie« Fritzsch und Ralf Reinders (v.l.n.r.) während ihres Prozesses
Das waren Studenten oder Leute, die sowieso dort gearbeitet haben. Da war es viel schwieriger Veränderungen durchzusetzen. Da warst du ganz schnell wieder draußen. Einige sagen, die Konsequenz aus den Jahren des bewaffneten Kampfes ist auch, dass der bürgerliche Staat sein Waffenarsenal aufgerüstet hat und nun mit verschärfter Repression gegen Protest vorgehen kann. Das würde ich anders sehen. Als das Handgranatengesetz verabschiedet wurde, ist noch nicht ein Schuss gefallen. Als die Notstandsgesetze verabschiedet wurden, ist noch nicht einmal ein Stein geflogen. Wenn wir uns anschauen, was in den letzten 15 Jahren für Gesetzesverschärfungen stattgefunden haben, gerade auf dem Gebiet der inneren Sicherheit, da ist nichts passiert, was das rechtfertigen würde. Natürlich führen politische Fehler – wie zum Beispiel die Entführung der Landshut nach Mogadischu – zu einem Klima, in dem die Leute, die du eigentlich erreichen willst, auf einmal Verständnis dafür entwickeln, wenn der Staat radikalere Einschnitte vornimmt. Sie fühlen sich selbst bedroht. Es gab politische Fehler, die dazu beigetragen haben, aber die waren mit Sicherheit nicht die Ursache.
Was ist dann die Ursache für Repression?
Die Ursache sind die Ausbeutungsverhältnisse. Wenn ich jemand für mich arbeiten lasse und dem alles wegnehme, dafür dass der arbeitet, dass es ihm wesentlich schlechter geht als mir. Und wenn ich von dem profitiere, was er arbeitet, dann beruht das immer auf einem Gewaltverhältnis, das ich nur mit Gewalt aufrechterhalten kann. Wenn ich jemand so abziehe, dann hab ich auch Angst vor dem. Natürlich habe ich Angst, dass der irgendwann mal die Schnauze voll davon hat.