Kein Ende der Geschichte

Im Juni 2007 findet in Heiligendamm, einem kleinen Badeort an der Ostseeküste, der G8-Gipfel statt. Acht Regierungschefs und hunderte ihrer Mitarbeiter werden vor allem über Energiesicherheit und ökonomische Fragen sprechen. Doch auch Globalisierungskritiker unterschiedlichster Coleur sind von keinem dieser Gipfel mehr wegzudenken.

Sie treten in einen kritischen Dialog mit den Vertretern der G8 oder verweigern sich diesem, da sie die Treffen als illegitim ansehen. Sie wollen bedrohte Tierarten retten, die Schulden des globalen Südens tilgen lassen oder den Kapitalismus abschaffen. Sie demonstrieren, blockieren, tanzen oder liefern sich Straßenschlachten mit der Polizei.
Die politische Landkarte dieser Bewegung reicht von Nichtregierungsorganisationen (NGO’s), über Vertreter von Gewerkschaften, sowie linken und ökologischen Parteien bis zu Basisinitiativen und autonomen Gruppen.

Viva Zapata

Einen entscheidenden Einfluss auf ihre Entstehung hatte der Aufstand der Zapatisten in Chiapas (Mexico),
Eigentlich wollte er nur ins Büro ...
der sich am ersten Januar 1994 gegen das am gleichen Tag in Kraft tretende, nordamerikanische Freihandelsabkommen richtete, diese kapitalistische Form der Globalisierung verneinte und die internationale Perspektive einer anderen Welt proklamierte. Weil er dem nach dem Zusammenbruch des Realsozialismus ausgerufenen Ende der Geschichte widersprach, hatte er für die nach einer neuen Perspektive suchende Linke eine immense Bedeutung.
Obwohl es auch vorher oft Proteste gegen die Treffen der globalen Institutionen gab, die für das Vorantreiben der kapitalistischen Globalisierung verantwortlich gemacht werden, trat die Bewegung erstmals 1999 mit den Protesten gegen die Welthandelsorganisation (WTO) in Seattle (USA) ins Licht einer relevanten Öffentlichkeit. Nachdem das Treffen aufgrund der massiven, bisweilen militanten Proteste abgebrochen werden musste, rückten diese selbst in den Fokus der medialen Berichterstattung. Ein Jahr später sorgte der spektakuläre Widerstand gegen das Treffen des Internationalen Währungsfonds (IWF) in Prag dafür, dass die Globalisierungskritiker als Massenbewegung auch in Europa ankamen. Dort folgten ähnliche Proteste auch im Zusammenhang mit Treffen des Weltwirtschaftsforums (WEF), der EU, NATO und G8.
Den bisherigen Höhepunkt der Mobilisierungen stellten die Proteste gegen das G8-Treffen in Genua (Italien) dar. Dort gingen im Juni 2001 300.000 Menschen auf die Straße. Zweifelsohne wurde diese Massenmobilisierung durch die zu jener Zeit enorm starken und damit mobilisierungskräftigen, lokalen, sozialen Bewegungen begünstig. Doch auch die internationale Beteiligung an den Protesten war enorm.Es herrschte Aufbruchstimmung.

Chilenische Woche


Leider stellten die Tage von Genua auch den bisherigen Höhepunkt der Repression gegen die Bewegung dar. Schon die im Vorfeld lancierten Presseberichte schürten eine Stimmung, die bürgerkriegsähnliche Zustände erwarten liess. Berichte von hunderten nach Genua beorderten Leichensäcken machten die Runde. Der Stimmungsmache folgten die Angriffe der Polizei auf die Demonstrationen selbst. Auf offener Straße wurden Protestierende exzessiv zusammengeschlagen. Wer sich zur Wehr setzte, musste mit dem Schlimmsten rechnen. So wurde Carlo Giuliani von Beamten in den Kopf geschossen und mehrfach überfahren. Verhaftete berichteten übereinstimmend von Folter.
»We are the world, we are the children
We are the ones who make a brighter day
So lets start giving ... theres a choice
we're making...« (Michael Jackson, Allstars
for Africa)
Trotzdem gingen an den folgenden Tagen immer wieder Menschen auf die Straße.
Die nun aber folgende, vor allem von den NGO's vorgebrachte Distanzierung von angeblich unpolitischen und gewalttätigen Teilen der Bewegung führte zu einer Spaltung. Auf der einen Seite jene vorgeblichen, dem Dialog mit den G8 oftmals nicht abgeneigten Pazifisten, die angesichts militanter Aktionen um ihre begrenzte Einflussmöglichkeit auf die G8 Politik fürchteten. Und auf der anderen Seite diejenigen, welche in Anbetracht der alltäglichen, kapitalistischen Zumutungen und der noch offensichtlicheren Gewalt des Staates, sich von seinen ausführenden Organen den Protest nicht widerstandslos verbieten lassen wollten.
Die Repression, die Spaltung, aber auch die Anschläge vom 11. September 2001, welche die politischen Rahmenbedingungen der globalisierungskritischen Bewegung nachhaltig veränderten, führten dazu, dass Genua der vorläufige Höhepunkt der Mobilisierungen bleiben sollte.
Weniger die nun folgenden Protestaktionen gegen die Treffen selbst, die medial während der letzten beiden G8-Gipfel kaum noch wahrnehmbar waren, als vielmehr die mit globaler Perspektive ausgefochtenen, lokalen Auseinandersetzungen, sowie die Kontinentalen- und die Weltsozialforen, wovon das erste 2001 in Porto Alegre (Brasilien) abgehalten wurde, sorgten daraufhin für die bis heute andauernde Präsenz der Bewegung.

Ready, steady, go

Dass es in Deutschland im Moment keine präsenten lokalen, sozialen Bewegungen gibt, stellt im Vergleich zu Genua eine bedeutend schlechtere Voraussetzung für die kommenden Proteste gegen den G8-Gipfel dar. Sollen sie trotzdem attraktiv und erfolgreich sein, müssen Akzente gesetzt und die Spaltung entlang der Gewaltfrage überwunden werden. Diskussion, Organisierung und Vernetzung sollten die folgende Perspektive sein, damit sich die investierte Kraft nicht im einwöchigen Protestspektakel erschöpft.